Freiheit, Freude, schöne Frauen

By bubu72

Getrieben von der Lust auf Freiheit und Frauen produzierte Man Ray surrealistische Aktfotos und Porträts. In der Berliner Ausstellung  „Unbekümmert, aber nicht gleichgültig“ sind jetzt Werke aus dem lange vernachlässigten Nachlass des US- Künstlers zu sehen.

Louis Aragon muss nicht schlecht gestaunt haben, als Man Ray die Schublade aufzog. Der Schriftsteller bat den Künstler um Illustrationen für ein surrealistisches Erotikmagazin – und Ray präsentierte ihm auf Anhieb das Gewünschte. Fotos, die Ray mit seiner Geliebten Kiki de Montparnasse in innigster Umschlingung und Durchdringung zeigten – aufgenommen mit viel Sinn für die Detailansichten des Aktes

noch heute wirken diese Aufnahmen von 1929 kühn. Gezeigt werden sie jetzt in einer Man-Ray-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Ungewöhnlich an dieser Schau ist vor allem, dass sie ausschließlich auf die Bestände des Man Ray Trusts zurückgreift – auf eine Nachlass-Kollektion also, von der Experten lange annahmen, sie bestehe „nur noch aus zweitklassigen Gemälden “ („ArtNews“).

 Kaum war Man Ray 1976 mit 86 Jahren in Paris gestorben, wurde seinem Nachlass übel mitgespielt. Werke verschwanden, Verkäufe blieben undokumentiert, die Werkdatei ging verloren, dubiose Abzüge kamen auf den Markt. Später mussten herausragende Teile der Kollektion zur Begleichung der Erbschaftsteuer dem Pariser Centre Pompidou überlassen und beim Auktionshaus Sotheby’s versteigert werden. Der auf etwa 4000 Werke, Materialien und Memorabilien dezimierte Rest, der dem Man Ray Trust blieb, flog in Pappkartons verpackt nach New York. Heute lagert der Nachlass eines der teuersten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts in Tresoren – in den Hinterzimmern einer Autowerkstatt auf Long Island.

 Seine Motive: Freiheit, Freude und Frauen

Gleich nebenan, in New York City, hatte zwischen 1911 und 1920 seine Karriere begonnen. Ray, der mit bürgerlichem Namen Emmanuel Rudnitzky hieß, experimentierte mit Malerei, mit Kollagen, Assemblagen und Fotografie. Sein Freund Marcel Duchamp hatte ihn zu unkonventionellen Ausdrucksformen angeregt. Einmal hängte Ray einen kaputten Lampenschirm erst spiralförmig in seinem Atelier auf und gab ihn dann als Kunst Objekt in eine Ausstellung. Dort wurde das Werk vom Hausmeister für Abfall gehalten und zerstört.

Glücklichere Aufnahme fanden Man Rays Kunst  bemühungen in Paris, wohin er Duchamp 1921 gefolgt war. Fast unmittelbar nach seiner Ankunft machte er Furore, anfangs mit Werk- und Künstlerfotos, bald mit Porträts und Modeaufnahmen, und schnell auch mit seinen „Rayografien“, die ohne Kamera durch Lichteinfluss auf Fotopapier entstanden.

„Es gab immer und gibt immer“, so bekannte er, „zwei Beweggründe für das, was ich tue: die Freiheit und die Freude.“ Und die Frau, muss man wohl ergänzen. Eine Vielzahl seiner bedeutendsten Werke zeigen ihn als großen Erotiker. Sein Lieblingsmotiv in den zwanziger Jahren war die erwähnte Kiki de Montparnasse, die ein begehrtes Malermodell war und als laszive Nachtclubsängerin auftrat. Das perfekte Oval ihres Gesichts zeigt die berühmte Fotografie „Noire et Blanche“, die ihr weißes Antlitz in somnambuler Zwiesprache mit einer schwarzen Maske abbildet.

Kaum hatte Kiki Man Ray verlassen, fand sich Lee Miller ein, um bei ihm die Fotografie zu erlernen. Sie hatte in den USA als Model gearbeitet und wollte nun hinter der Kamera stehen. Miller war drei Jahre seine Assistentin, sein Model, seine Geliebte – und wurde selbst eine große Fotografin. Ihr Mund taucht in Man Rays bekanntestem Gemälde auf: Es zeigt ein Lippenpaar, das wolkengleich über einer Landschaft schwebt und im Parallelschwung des Mundes die aneinander geschmiegten Körper zweier Liebenden evoziert.

Schnappschuss vom verliebten Picasso

Etwas angestrengt versucht die Ausstellung, die beiden folgenden Lebensabschnitte Man Rays als künstlerisch ähnlich produktiv dazustellen: Man Ray floh 1940 kurz vor der Besetzung von Paris zurück in die USA und ließ sich in Los Angeles nieder, bevor er 1951 wieder nach Paris zog. Doch die gezeigten Arbeiten dieser Jahre sind meist wenig originell und oft nur Variationen früherer Werke.

Ohnehin sind viele von Man Rays ikonischen Arbeiten – die junge Meret Oppenheim an der Druckmaschine beispielsweise, oder seine gläsernen „Tränen“ – nicht vertreten. Zwar kann der Kurator, der amerikanische Fotoexperte John Jacob, als künstlerisches Konzept anführen: „Für Man Ray war die einem Kunstwerk zugrunde liegende Idee wichtiger als seine physische Präsenz.“ Aber für die Ausstellung ist es problematisch, wenn sich einige Ideen gar nicht und andere vor allem über Reproduktionen aus den letzten Lebensjahren des Künstlers vermitteln. Für Kenner freilich bietet die Schau nette Trouvaillen – etwa wenn sie zeigt, wie Man Ray den Schnappschuss von einem turtelnden Picasso in eine Zeichnung umsetzt.

Außerdem sind da noch die tieferen Einblicke in Rays Kunst- und Liebesanstrengungen, die einst schon Aragon verblüfften. Diese Aktfotografien werden selten gezeigt. Selbst 1929 hatte kaum jemand das mit ihnen illustrierte Erotikmagazin zu sehen bekommen: Die 500er-Auflage war kurz nach ihrer Fertigstellung von Zollbeamten beschlagnahmt und vernichtet worden.

 


 
  
 

 

 
 

 

Man Ray: „Unbekümmert, aber nicht gleichgültig“, Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 18. August

 

Quelle: www.spiegel.de

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